Wie der Stein der Weisen ins rollen kam…
… Als kleines Kind noch im Vorteenageralter interessierte ich mich sehr für das Weltall, fremde Galaxien, unserer Sonnensystem – ich kannte alle Planeten, ihre Durchmesser, Abstände zur Sonne, schlicht alles, was es für ein wissensdurstiges Kind über unser Sonnensystem und das Weltall zu erfahren gab, aber ebenso interessierte ich mich wie jedes Kind in diesem Alter für Dinosaurier. Ich kannte alle populären Saurier mit Namen, wie groß und schwer die waren und wann sie mal auf der Erde gelebt haben, und ich habe sie am liebsten gezeichnet. Auch war ich wie beinahe jedes Kind in diesem Alter viel in der Natur, was mir „Mutter Natur“ natürlich zu einem wohlig vertrauten Gefühl werden ließ; mit einer Oma im Thüringer Wald und der zweiten Oma im Harz blieb mir auch nichts anderes übrig. Das sollte zu meinem Beruf werden – im Wald arbeiten.
Nach dem Abschluss der normalen 10 Klassen OS wurde ich Facharbeiter für Forstwirtschaft-Mechanisator – so die vollständige Berufsbezeichnung. Seit der Wende heißt dieser Beruf schlicht Forstwirt. Das trifft es auch.
Nach der Wende änderte sich nicht nur die Bezeichnung für meinen Beruf, sondern auch das Recht auf Bildung. Plötzlich standen die Türen für ein Studium offen. Voraussetzung: man hat das Abitur.
Es war im Sommer 1993 während eines Gesprächs mit meiner Kollegin, das etwa so anfing: „wenn ich könnte, würde ich Astronomie, Physik, Chemie und Biologie studieren…“ Da wurde mir plötzlich klar, dass das jetzt alles möglich war. Die alten DDR-Beschränkungen gab’s nicht mehr.
Mein Entschluss stand fest. Ich will Astronomie studieren, denn ich interessierte mich nach wie vor wahnsinnig für das Weltall, fremde Planeten, habe etliche populärwissenschaftliche Bücher gelesen und versucht, zu verstehen. Aber nun wollte ich es genau wissen…
Ich wurde am Abendgymnasium in der Pasteurstraße vorstellig. Das Schuljahr hatte schon begonnen, weshalb ich erst ein halbes Jahr später anfangen konnte.
Man, war ich wissensdurstig; regelrecht ausgehungert war ich nach acht Jahren Schulbank-Entzug! Alles wollte ich wissen, alles wollte ich lernen! Mein Wissensdrang reichte für zehn normale Tageskollegschüler… ich erinnere mich nur zu gut.
Da saß ich nun! In einem Klassenzimmer! … Wie früher - damals vor acht Jahren in meiner Schule - noch zu DDR-Zeiten … rechte Wandreihe, zweite Bank, rechts außen.
Auf dem Stundenplan standen zwei Stunden Mathe. Darin war ich früher immer gut. Nie schlecht. Keine Probleme, mitzukommen. Lernen musste ich früher auch nie. Den Stoff hatte ich schon gleich im Unterricht verstanden. Das saß! Hausaufgaben überhaupt kein Thema!
Mathe also. Aber abends um - weiß ich wann - irgendwas nach 21 Uhr! Das war normalerweise die Zeit, in der ich schon mit Morpheus feilschte. Mir fielen ständig die Augen zu und ich konnte auch überhaupt nicht nachvollziehen, was der nette Mathelehrer da versucht hat, uns in Erinnerung zurückzurufen. Denn das hatten wir alles schon mal in der 9. Klasse, behauptete jedenfalls dieser nette Mann. Hatte ich da auch geschlafen? Ich konnte mich nur noch nebulös an dieses Mathezeugs dort vorn an der Tafel erinnern! Die Realität holte mich schlagartig ein. Meine Füße wurden bleischwer und der Boden der Tatsachen triumphierte. Ich dachte, das kann ja heiter werden, wenn ich jeden Abend hier sitze, mit der Müdigkeit ringe, nicht verstehe, warum ich das alles vergessen habe, was ich vor über acht Jahren schon alles mal gelernt hatte, und wohin war es verschwunden dort oben in meinem Gedächtnis?!
Ich blieb eisern! Nun war ich da und wollte auch durch. Nach zwei, drei Wochen hatte ich mich an den allabendlichen Zeitvertreib gewöhnt. Plötzlich wurde alles Gewohnheit. Früh aufstehen, arbeiten gehen, Schulsachen holen, ab zur Schule, vier Stunden zuhören, staunen, lernen, Gleichgesinnte treffen, nach Hause eilen, endlich ins Bett fallen, früh aufstehen, arbeiten gehen, in den Pausen Hausaufgaben machen oder Vokabeln lernen, …und irgendwann meine erste Brille!
Leider weiß ich zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr alle Namen der Lehrerinnen und Lehrer, die mir einiges an Wissen vermittelt haben. Ich erinnere mich jedoch gern an meine Lieblingsfächer. Na ja, und sind es nicht die Fächer, dann sind es die Lehrer, die mir unvergessen geblieben sind.
Mein erstes Leistungsfach war Latein bei Frau Findeis – konjugieren und deklinieren, translatieren und transkribieren – ups! Kommt erst ne Etage tiefer, aber analysieren (ein günstiges Wechselspiel mit dem Fach Deutsch – hat sich alles wunderbar ergänzt – ich wollt es wäre in der Forschung auch immer so leicht!), Ablativus absolutus, Cicero und Caesar, Tacitus und Titus – ach, nee der saß ja vor mir! J
Mein zweites Leistungsfach war Biologie bei Herrn Hänfler. Ja, man da war ich zu hause. Hatte nämlich im Grundkurs erst Physik belegt, weil ich anfänglich doch Astronomie studieren wollte. Musste dann doch feststellen, wie relativ die Theorie war! J Und habe dann noch schnell die Kurve gekriegt und mit Lichtgeschwindigkeit den verpassten Stoff des Biologiekurses bei Frau… mir ist leider der Name entfallen, aufgeholt – nee, war nicht so schlimm; das wusste ich komischerweise alles noch aus der Schule – Streiche spielt einem das Gehirn! Wie heißt es doch so treffend: „Geh den Weg des geringsten Widerstandes“. Gott, habe ich doch was gelernt in Physik! J
Am liebsten hätte ich auch noch gern Deutsch bei Frau Mietchen als drittes Leistungsfach gehabt. Aber da es ja ein Abendgymnasium war und ist und der Abend bekanntlich nicht so viele Stunden hat wie der Tag, muss man sich hier etwas mit seinem Wissensdurst einschränken. Schade. Aber so war Deutsch zumindest mein allerliebstes drittes Fach J . Am liebsten habe ich Texte analysiert und mich so richtig in den Interpretationen ausgetobt, und stilistische Mittel habe ich gesucht wie diese kleinen bunten Ovarien zur Osterzeit, die man den armen Hennen aus den Nestern geklaut hat (Alliteration, Klimax und der Gegenpart, die Antiklimax, Contradictio in adjecto, und wie sie alle heißen) --- Unsere gemeinsamen Theaterbesuche sind mir auch noch gut in Erinnerung. „Nathan der Weise“ von Lessing, man das Stück wird heute noch am DT mit Dieter Mann aufgeführt! Ich bin am DT Stammgast. Und auch nicht zu vergessen „Die Leiden des Jungen Werter“. --- Ich liebe Shakespeare. Leider haben wir keines seiner Stücke behandelt; nur am Rande über Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“.
Apropos: Liebe Frau Mietchen, ich hoffe, ich unterlasse hier nicht zu viele Grammatik-, Ausdruck- und Rechtschreibregeln. J
Als viertes Fach hatte ich Mathe bei Frau Krüger, die sich immer etwas Neues hat einfallen lassen müssen, um ihre Schüler für Mathe zu begeistern, da sie stets vor Augen hatte: „ich weiß ja, wenn Sie könnten, würden Sie Mathe abwählen“.
Unvergessen! Wir waren Frau Krügers Probanden, wenn es um die sogleich angewandte Praxis ihrer tagsüber „erlernten“ und studierten Unterrichtspraktiken ging. Man hat das Spaß gemacht! Und so eine geduldige und hoch motivierte Lehrerin, die auch schon mal eine Aufgabe zum x-ten mal mit Händen und Füßen und noch mehr Spaß dabei, anhand von anschaulichen Beispielen zu erklären versuchte – ihr wisst schon so etwas in der Art wie zwei Äpfel treffen auf drei Birnen und dann passiert??? – noch nicht verstanden?! Mmh, na dann wie steht’s mit: die Monde des Planeten Jupiter und die des Saturns ergeben…? Weiß es einer? Und Frau Krüger hat nie verzweifelt! Das nenn ich echte Berufung! Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können. So habe ich mich immer auf den Mathe-Unterricht bei Frau Krüger gefreut, obwohl ich zu dem Zeitpunkt und einige Abendgymnasial-Mathelehrer zuvor dachte, dass ich meinen mathematischen Verstand irgendwann mal meistbietend auf dem Flohmarkt versteigert hätte – und ich habe es nur vergessen. Außerdem teilten wir eine Leidenschaft – wir beide lieben die Werke von M.C. Escher. J
Solche Lehrerinnen und Lehrer trifft man an diesem Gymnasium in den abendlichen Stunden in jedem Fach. Wer sich durch sie nicht motiviert fühlt, durchzuhalten, schafft es auch später an einer Uni nicht. Zurückblickend war ihr Unterricht Unterhaltung – eben das was man unter Erwachsenen täglich tut. Und durch kommunikativen Austausch mit seinen Mitmenschen lernt man. Das ist wissenschaftlich belegt! Und an diesem Abendgymnasium lernt man viel – vielmehr als nur für die Noten oder das Punktesystem – nämlich für sich selbst, für das Leben, für das Alter, man wird reifer, erwachsener und selbstbewusster. Und mit diesem Erfahrungsschatz und einem bestandenen Abitur als Voraussetzung wird man dann in die Hochschulen entlassen.
Ich habe an der Humboldt Universität zu Berlin Biologie studiert mit dem Hauptfach Botanik und den Nebenfächern Biochemie und Mikrobiologie. Außerdem habe ich im dritten Jahr Chemie als Zweitstudium aufgenommen, welches ich aber mit Beginn meiner Doktorarbeit aus zeitlichen Gründen wieder abgebrochen habe.
Ich bin an der HU Berlin am Museum für Naturkunde im Institut für Paläontologie. Meine Diplomarbeit habe ich im Bereich der Paläobotanik – und nun schließt sich der Kreis; es sind zwar keine Dinosaurier, aber ich bin Paläontologin im weitesten Sinne – über den tertiären Baikalsee anhand von fossilen Pollen und Sporen und die daraus resultierenden Klimainter-pretationen gemacht.
Derzeit schreibe ich meine Doktorarbeit, die sich mit dem Benguela Upwelling System, Südwest Afrika, und Klimainterpretationen der letzten 8 Mio. Jahre anhand von Radiolarien befasst.
Da habe ich viel und ich meine richtig viel Arbeit – Forschung bedeutet nun mal viel Arbeit – da will viel entdeckt, analysiert und anschließend interpretiert werden. Aber das habe ich ja schon auf dem Abendgymnasium gelernt: staunen – analysieren – interpretieren, nicht wahr?
Ja, und das heißt dann im Klartext auch: vor Tagungen, Schreiben von Abstracts und Papern etc. ist dann auch schon mal die eine oder andere lange Nacht der Wissenschaft J dabei. Aber ich habe es ja so gewollt. Ich sagte „Alpha“ und muss nun auch noch „Omega“ rufen!
Nun möchte ich zum Abschluss nur noch allen raten, die sich zu diesem Schritt entschließen, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass auch das Studium kein reibungsloser Gang sein wird. Es ist oftmals schwer, durchzuhalten. Aber wer wirklich lernen will und seinen Weg kennt und gehen will, der sollte dieses tun. Denn der Weg ist das Ziel.
Berlin, März 2005
Viele Grüße
Beatrice Bittniok [ Abschluss: 1996]