Vier Jahre lang fünf Mal in der Woche
abends für jeweils 4 Stunden die Schulbank zu drücken
und am Ende auch noch das Abiturzeugnis in der Hand
zu halten. Jedenfalls waren das meine ersten Gedanken,
als ich in einem gemütlichen Café im Prenzlauer Berg
einen Flyer des Abendgymnasiums Prenzlauer Berg in der
Hand hielt...
Dennoch meldete ich mich kurzentschlossen 2 Tage vor
Ende des Anmeldetermins an. Ich wollte schon immer das
Abitur nachholen; in meiner Geburtsstadt (ehemals Wilhelm-Pieck-Stadt)
Guben hatte es nur leider nicht
geklappt, weil die Mindestteilnehmerzahl nicht erreicht
wurde. Schließlich wollte ich nicht ewig Sekretärin
bzw.
Sachbearbeiterin bleiben. Und immerhin lag einem nach
dem Mauerfall die Uni-Welt zu Füßen. Man konnte sich
das Studienfach selbst auswählen! Man musste nicht die
Wahl zwischen NVA-Offizier oder Lehrer treffen!
Gespannt darauf, ob ich über einen so langen Zeitraum
meinen inneren Schweinehund besiegen könnte (schließlich
war ich ja zu diesem Zeitpunkt auch noch 40 Stunden
in der Woche berufstätig), fing ich an einem warmen
August-Abend im Jahr 1992 an, wieder in die Schule zu
gehen. Ich habe mich für den einjährigen Vorkurs entschieden,
da ich mit Französisch eine neue Sprache erlernen wollte.
Die Zeit am Abendgymnasium lässt es leider nicht zu,
neben Englisch noch zwei weitere Fremdsprachenfächer
zu wählen, sonst hätte ich gleichzeitig mein Russisch
erweitert. Zur Einführungsveranstaltung nahm ich wohlwollend
wahr, dass es eine schöne alte Schule mit sehr großzügigen
Klassenräumen ist. Kindheitserinnerungen wurden wach.
Es war alles wie früher, nur dass man in unserem Alter
(leider?) keinen Unsinn mehr anstellen konnte.
Oder doch.............?
Ich staunte, wie groß das Interesse am Abitur an diesem
Abendgymnasium war - die Anzahl der Hörer pro Klasse
betrug immerhin an die 20. Aus den unterschiedlichsten
Berufs- und Altersgruppen konnte man hier neue Leute
kennen lernen. Der Unterricht machte meistens Spaß (gut,
man hat ja schließlich auch schlechte Tage!), jedenfalls
mehr als auf der polytechnischen bzw. Realschule, schließlich
war man freiwillig hier, und nicht, weil einem die Eltern
in den Ohren lagen. Und das Arbeiten mit den Mentoren
machte wirklich Laune (vielleicht, weil man als
"volljähriger Schüler" bzw. Hörer endlich als Erwachsener
akzeptiert wurde.
Neben dem tollen Unterricht gab es auch einen geselligen
Teil am Abendgymnasium Prenzlauer Berg. Er bestand aus
Theaterbesuchen, Fahrten durch die ganze Weltgeschichte,
Frühlingsfeste, Weihnachtsfeiern.........wobei der Abi-Ball
natürlich immer das Tüpfelchen auf dem "i" ist!
In den vier Jahren habe ich viel gelernt (es hat offenbar
für das Abitur-Zeugnis gereicht! ;-) - und ich habe
vor allen
Dingen viele Denkanstöße erhalten, die dazu führten,
dass ich mich für wesentlich mehr Dinge interessierte
als vorher (außer für Literatur vor dem Naturalismus,
da kann ich einfach nicht raus aus meiner Haut ;-)
Viele werden sich jetzt fragen, wie ich es geschafft
habe, die vier langen Jahre durchzustehen und nicht
zwischendurch aufzuhören. Ich gebe zu, im Vorkurs war
ich meist nicht anwesend (nicht zum Nachahmen empfohlen!)
- aber unter Umständen kann man sich je nach Ausbildung
auch für das eine oder andere Fach frei geben lassen.
Tipp von mir(Mentoren lesen bitte erst ab dem übernächsten
Satz weiter): Ab und an einen guten Vortrag halten und
den
Mentoren das Gefühl geben, dass ihr Fach das wichtigste
von allen auf der ganzen Welt ist - das beeindruckt
Mentoren immer! Natürlich muss man gerade vor Klausuren
bzw. Prüfungen den inneren Schweinehund besiegen, aber
man kann es schaffen!
Gut, ich gebe zu, dass ich manchmal, nur um mein Gewissen
zu beruhigen, auch mal die Hefter aufgeschlagen liegen
gelassen habe. Eben so, als ob es so aussieht, dass
ich gerade was für die Schule tue. Aber man sollte zwischendurch
auch leben, dann fällt auch das Lernen nicht so schwer.
Alles in allem ist es eine Erfahrung wert, hat Spaß
gemacht und man kann anschließend alles studieren, was
man möchte, denn das Abiturzeugnis ist an jeder Hochschule
und Universität anerkannt.
Und es ist kostenlos! Ich kann daher nur jedem, der
vor hat, das Abitur nachzuholen, das Abendgymnasium
am Prenzlauer Berg empfehlen!
Ich wollte nach dem Abitur meinen tollen Job nicht aufgeben
und habe daher vor knapp zwei Jahren mit einem Fernstudium
der Wirtschaftswissenschaften an der renommierten Fernuniversität
in Hagen begonnen. Wie man sieht - ich kann's einfach
nicht lassen mit dem "Nebenher-Studieren".............
Ich wünsche allen Hörern, Abiturienten und natürlich
auch allen Mentoren, die am Abendgymnasium Prenzlauer
Berg für die Hörer des zweiten Bildungsweges da sind,
alles Gute für die Zukunft!
Freundlichst,
Claudia Hornak (Abi-Jahrgang 1996)
Nancy
Opatz
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