Herzlichen Glückwunsch

Auch das ist eine echte Erfolgsgeschichte und kommt zuweilen vor. Gemeinsam am Abend die Schulbank drücken, zusammen lernen und auch bald zusammen leben.Eine echte "Abendgymnasium -Lovestory". Am 29.08. 2013 gaben sich Jeanette Remus und Rene Streithoff das Ja-Wort. Beide lernten sich in ihrer Vorkursklasse kennen. 2012 legten sie erfolgreich das Abitur ab, davon jeanette als Jahrgangsbeste.

Herzlichen Glückwunsch noch nachträglich den beiden.

Vier Jahre wieder die Schulbank drücken

(Monika Eberlein, Abitur 2009)

Hätte man mir noch vor einigen Jahren gesagt, dass ich an einer Universität studieren werde und noch dazu mit einem Stipendium, hätte ich demjenigen wohl den Vogel gezeigt.

Um ehrlich zu sein, ich konnte mir noch nicht einmal vorstellen, überhaupt Abitur zu machen. Gymnasium und Abiturprüfung waren für mich Dinge, vor denen ich unglaublichen Respekt hatte und die ich mir für mich per se nicht vorstellen konnte.

Die „Hauptschule“ war für mich nämlich nicht nur ein abstrakter Begriff aus der aktuellen Bildungsdebatte. Ich kannte die Hauptschule auch von innen. Zwar hatte ich damals den Aufstieg in die Realschule ohne Mühen geschafft, doch die Vorstellung, die Abiturprüfung zu bestehen, empfand ich als ebenso realistisch, wie Papst zu werden.

So bedurfte es auch erst der Überredungskünste meines Mannes, der es leid war, meine allfeierabendliche Unzufriedenheit zu ertragen. Er traute mir mehr zu als meinen Bürojob.

Nun gut, einen Versuch konnte ich ja wagen. Was hab ich zu verlieren? Den Job aufgeben wollte ich erst einmal nicht, da ich ja davon überzeugt war, die Schule sowieso nicht zu schaffen. So bin ich dann ans Abendgymnasium in Prenzlauer Berg geraten. Und da ich nur eine Fremdsprache gelernt hatte, musste ich in den sauren Apfel beißen, und sage und schreibe 4 Jahre die Schulbank drücken. Meine Arbeitskollegen hielten mich für verrückt. Ich glaube, nur mein Mann hat wirklich daran geglaubt, dass ich das schaffe.

Jetzt, da diese 4 Jahre vorbei sind, kann ich nur sagen, sie sind schneller vergangen, als mir lieb war. Sicher, die Belastung war oft hart an der Grenze des Erträglichen (teilweise um 4:30 Uhr aufstehen, Hausaufgaben machen und lernen, Büro, Unterricht, nach Hause, Bett), aber im Unterschied zu meiner Schulzeit während meiner Jugend hat die Schule Spaß gemacht, denn ich war unglaublich motiviert. Man ist unter Gleichgesinnten, die genauso verrückt sind, wie man selbst und die Lehrer begegnen einem auf Augenhöhe und nicht mit Erziehungsauftrag. 

Und nach all der harten Arbeit dann das Abiturzeugnis in der Hand zu halten, das war schon ein großartiges Gefühl!

Ich denke gerne an die Zeit zurück und bereue es keine Sekunde, meine Freizeit dafür „geopfert“ zu haben. Aber nicht nur die Hochschulberechtigung an sich war den Besuch wert, ich habe auch erstmals erfahren, zu welchen Leistungen ich überhaupt fähig bin.

... und jetzt Medizin!

Ellen H. Burg (2007)

Nach der Geburt ihrer Tochter litt Ellen H. Burg, ein Künstlername, den sie bevorzugt, unter einer Art "Still-Demenz", wie sie sagt. "Ich kam mir geistig zurückgeblieben vor und war ganz unglücklich. Ich musste unbedingt etwas für meinen Kopf tun", erzählt sie. Da fiel der Entschluss, das Abitur nachzuholen.

Die 33-Jährige gehörte in ihrer Jugend zu den "Jungen Wilden", brach nach der 12. Klasse die Schule ab, zog von Hamburg nach Berlin und genoss das Leben. Erst als sie feststellte, dass das mit dem Jobben ohne Ausbildung und ohne Studentenstatus ziemlich schwierig ist, beschloss sie, an der privaten Design-Akademie "Visuelle Kommunikation" zu studieren. "Das ging auch ohne Abitur. Aber ich kam mir so unnütz vor. Ich wollte gerne etwas machen, das anderen Menschen hilft", erinnert sich die junge Mutter.

Am Abendgymnasium Prenzlauer Berg fand sie dann eine neue Herausforderung. Tagsüber kümmerte sie sich um die kleine Tochter, nachmittags übernahm das ihr Mann, und sie ging zur Schule. "Das hat wunderbar geklappt, nur haben wir uns kaum noch gesehen", erinnert sie sich. Kritisch wurde es, als sie im dritten Semester feststellte, dass sie das nächste Kind erwartet. "Aber die waren ganz toll in der Schule und haben mich sehr unterstützt."

Das zweite Kind wählte nämlich einen ungünstigen Geburtstermin: drei Wochen vor den schriftlichen Abiturprüfungen. Während die anderen die Osterferien genossen, hatte Ellen H. Burg mal schnell ein Kind bekommen. Bei den Prüfungen bekam sie einen Extra-Prüfraum mit einer Einzelbetreuung, damit sie jederzeit ihr Baby stillen konnte, ohne die anderen Prüflinge zu stören.

Für eine "Still-Demenz" hatte sie diesmal weder Anlass noch Zeit, die Prüfungen forderten sie voll. "Ich hatte schon so viel wie möglich vorgearbeitet, bzw. versucht, immer auf dem aktuellen Stand zu sein. Denn ich wusste, dass es zum Ende hin eng wird." Am schlimmsten sei die Politik-Prüfung gewesen, weil sie durch jede Still-Pause aus ihren Gedankengängen herausgerissen wurde.

Die Atmosphäre auf dem Abendgymnasium hat Ellen H. Burg sehr genossen. Das Gros der Schüler sei Mitte 20 gewesen, sie zählte mit ihren Anfang 30 schon zu den Älteren. Alter und Lebenserfahrung hätten sich deutlich im Schulalltag widergespiegelt. Die Schüler seien gefestigter, zielstrebiger und meistens gut organisiert gewesen. "Sie gehen einfach freiwillig in die Schule, um etwas zu lernen. Ohne den elterlichen Zwang der Jugend. Wir waren immer etwas genervt, wenn mal Unterricht ausfiel", umreißt sie den Unterschied zum normalen Gymnasium. Am Anfang standen die meisten Schüler noch im Arbeitsleben. Doch der Doppelbelastung Berufsleben - Schule hielten nur die wenigsten stand. Ellen hat den Schritt nicht bereut. Jetzt will sie sich erst einmal ausgiebig um ihre beiden Kinder kümmern und sich schlau machen, was sie studieren könnte. Der Traum von Medizin dürfte mit einem Abiturschnitt von 1,1 in greifbare Nähe gerückt sein.

Helen Burg mit ihren Kindern (Abitur 1,1). Jetzt denkt sie an ein Medizinstudium.

"Wege entstehen dadurch, dass man sie geht"

Franz Kafka